TuSpo 1888 Guxhagen - Meine Geschichte

Guxhagen, man schreibt das Jahr 1888

Weltgeschichtliche Ereignisse wie der Tod des Kaisers Wilhelm I., die Krönung von Friedrich Wilhelm III., der auch nur 100 Tage regierte und schließlich in der Amtszeit des letzten deutschen Kaisers Wilhelm II. mündete, stören das Idyll in die damals nur rund 1.300 Köpfe starken Gemeinde genau so wenig wie heute die A 7. Selbst wichtige Ereignisse wie die Gründung der Flensburger Brauerei oder das erste Patent für den Fahrradluftreifen im gleichen Jahr werden von den wenigen Bewohnern bestenfalls zur Kenntnis genommen.

Die wenige Freizeit, die den hart arbeitenden Guxhagenern in dieser Zeit blieb, musste sinnvoll verbracht werden. Fußball war in Deutschland noch weitgehend unbekannt, an Fernsehen, Smartphones oder Playstations noch lange nicht zu denken. Turnen war groß in Mode - und obwohl das Vereinswesen noch komplett in den Kinderschuhen steckte und seitens der Obrigkeit mit massiven Auflagen ersehen war, beschlossen einige eifrige Bürger, ihren Sport zukünftig organisiert auszuüben.

Was aus dieser Idee geworden ist, können wir heute gemeinsam bestaunen. Höhen und auch Tiefen haben mich begleitet und ich bin stolz, dass sich immer wieder engagierte Menschen gefunden haben, die sich um mich gekümmert haben, treu zu mir standen und mich auch in schlimmen Zeiten unter persönlichem Einsatz hegten und pflegten. Aus dem einst so zarten Pflänzchen ist heute ein starker Baum mit festen Ästen geworden. Ich bin stolz, dass unter meiner Krone viele Früchte herangewachsen sind und auch weiterhin wachsen. Nun werde ich 125 Jahre alt, gedeihe weiterhin und bin gesund. Das ist nicht jedem vergönnt und soll daher Anlass zu einer kleinen Rückschau auf mein Leben sein.

Am 5. August 1888 erblicke ich das Licht der Welt. Wie bereits erwähnt war Turnen damals die ange-sagteste Sportart und ich werde aus diesem Grund „Turnverein Gut Heil Guxhagen“ genannt. Niemand konnte damals voraussehen, was eines Tages aus mir werden sollte und meine Geburtshelfer hatten schlicht-weg keine Muße, langwierige Aufzeichnungen anzufertigen. Leider kann ich daher über meine Kindheit nur sehr wenig berichten – trotzdem spiele ich im Leben der Menschen eine wichtige Rolle, denn bereits im Jahr 1897 geben die Mitglieder die heute noch existierende Vereinsfahne als Symbol der Gemeinschaft und ihrer Verbundenheit mit mir in Auftrag.

Man pflegt mich schon damals gut und ich erfahre immer wieder Unterstützung und Fürsorge. 1909 bekomme ich einen neuen Namen und heiße fortan „Turngemeinde 1888 Guxhagen“. 1913 schließlich wird mit meinem 25. Geburtstag das erste Jubiläum in der Vereinsgeschichte gefeiert.

Die Jahre des ersten Weltkriegs verbringe ich im Dornröschenschlaf – die Menschen hatten in diesen Zeiten schlichtweg andere Sorgen. Trotzdem sind die Folgejahre ab 1920 vom Fortschritt geprägt und ich bekomme Zuwachs. Eines meiner ersten Kinder wird 1922 geboren, es ist der sehr aktive Spielmannszug, der im Jahr 1923 mit einer Fahnenabordnung an der Einweihung des Kriegerdenkmals auf dem Friedhof Guxhagen teilnimmt. Einzelne städtische Gepflogenheiten halten in Guxhagen Einzug: Vereinsmitglieder entdecken auf den Fuldawiesen auf einem Grundstück des damaligen Bürgermeisters Bonn das Handballspiel für sich. Fußball bleibt zu dieser Zeit noch den Stadt-menschen vorbehalten.

Die Tatsache, dass gemäß einer Regeländerung aus dem Jahr 1924 der Eckball von nun an direkt ins Tor geschossen werden darf, interessiert daher in Guxhagen kaum jemanden.

Das Leben besteht aus Höhen und Tiefen und meine Midlife-Crisis macht sich schon vor meinem 40. Geburtstag bemerkbar: Viele Mitglieder, denen ich in den vergangenen Jahren wichtig war, ziehen sich zurück. Aber trotzdem fühlen sich einige für mich verantwortlich und halten zu mir. So wird verfügt, dass Mitglieder bis zum 25. Lebensjahr verpflichtet sind, unter Androhung einer Strafe an turnerischen Übungen teilzunehmen.

„Deutschland sucht den Superstar“ oder „Wetten dass“? Fehlanzeige! Das waren noch Zeiten, denn ordentliche Mitgliedsversammlungen werden damals an jedem letzten Samstagabend im Monat abgehalten. Dank des unermüdlichen Einsatzes der sportbegeisterten Guxhagener können bald erste Erfolge gefeiert werden: 1927 wird die Handballmannschaft der Turngemeinde 1888 Gaumeister des Turngaus Fulda-Eder. Im Jahr 1928 werde ich 40 Jahre alt. Ein großes Gau-Turnfest wird veranstaltet und ich werde auch im weiteren Umkreis bekannt.

Unbeschwerte Jahre folgen – die jedoch schon bald ein jähes Ende finden werden. Ich bin ein Sportverein und möchte den Menschen Freude bereiten und einer sinn-vollen Freizeitgestaltung dienen. Stattdessen sehe ich mich politischen Zwängen ausgesetzt und werde zum Spielball der nationalsozialistischen Interessen. So wird beispielsweise im Zuge der „Gleichschaltung“ nur noch ein erster Vorsitzender gewählt, der dann seine Mitarbeiter frei bestimmen kann – ob diese etwas mit dem Sport zu tun haben oder nicht spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle.

Im Jahr 1933 werde ich 45 Jahre alt und man veranstaltet eine - meinem Alter angemessene - Tanzveranstaltung und ein Gartenfest. Eine für das gleiche Jahr angedachte Zwangsheirat mit dem Sportclub Guxhagen scheitert und in den folgenden Jahren versinke ich zunehmend in Bedeutungslosigkeit. Viele meiner Mitglieder sind durch erzwungene Aktivitäten in den politischen Bünden gebunden, so dass ihnen eine regelmäßige Teilnahme an Veranstaltungen und an Monatsversammlungen fast nicht mehr möglich ist. Jüdische Mitglieder müssen den Verein verlassen und ab 1936 gibt es schließlich fast kein geregeltes Vereinsleben mehr.

 

Leider muss ich mich von nun an in allen Belangen an die Vorgaben der Politik halten. Auf Willen der NSDAP findet die bereits 1933 angeregte Vereinigung mit dem Sport Club Guxhagen im Jahr 1937 nun doch statt und – wie bei Hochzeiten üblich – muss ich meinen altbewährten Namen, der mich seit fast 50 Jahren begleitet hat, ändern. Ab sofort werde ich in „Verein für Leibesübungen Guxhagen“ (VfL Guxhagen) umbenannt. Neben den alteingesessenen Abteilungen für Turnen und Handball wird nun auch Fußball, Schießen und Schwimmen angeboten. Zu meinem 50. Geburtstag soll der neue Sportplatz „Unter den Eichen“ eingeweiht werden. Leider macht die Maul- und Klauenseuche einen Strich durch die Rechnung und das Ereignis muss um ein Jahr verschoben werden. Ersatzweise werden vereinsinterne Leichtathletikmeisterschaften und Staffelläufe ausgetragen. Nach gymnastischen Übungen findet der Tag in einem Kameradschaftsabend seinen Abschluss.

Aufgeschoben ist nicht aufgehoben und so findet die Einweihung im Jahr des Kriegsbeginns, 1939, mit einem großen Fest unter der Beteiligung von Sportlern, der Wehrmacht und des Reichsarbeitsdienstes statt.

Die Freude über den neuen Sportplatz währt leider nicht lange, soll die Einweihungsfeier doch für die nächsten Jahre das letzte große Sportereignis in Guxhagen sein. In den Kriegsjahren 1940 bis 1945 liegt das Vereinsleben weitgehend brach - 1945 schließlich werde ich durch einen Beschluss der Militärregierung aufgelöst. Trotzdem verschwinde ich nicht in der Versenkung.

Totgesagte leben länger und Sport kann man nicht verbieten: Am 23. Januar 1946 wird im Gasthaus Stückrath die „Turn- und Sportvereinigung Guxhagen“ gegründet. Zu neuem Leben erwacht wird der Sportplatz überholt und ein Umkleidehaus aus Holz errichtet. Nur ein Jahr später werden neue Sparten für Tischtennis und Leichtathletik gegründet und sogar eine Theater-Laien-bühne wird ins Leben gerufen.

Ich bin wieder da und trotz meines Alters wachse ich stetig, was auch organisatorisch einige Veränderungen nach sich zieht: Die Sparten Fußball und Tischtennis bilden eine, die Sparten Turnen, Leichtathletik, Handball und Schwimmen eine zweite, organisatorisch voneinander unabhängige Hauptabteilung. Als ehemals kleiner Verein wäre ich den zunehmenden Mitglieder-zahlen anders nicht mehr gewachsen, bilde aber trotz-dem das Fundament für all diejenigen, die sich für mich und mein immer größer werdendes Angebot interessieren.

Viele Erfolge machen mich weit über die Grenzen unserer Gemeinde bekannt. Immer neue Sparten, 1952 beispielsweise die Schützensparte, und Abteilungen werden gegründet und viele begeisterte Mitglieder engagieren sich unter meinem Dach in den verschiedensten Sportarten. Mein 65. Geburtstag im Jahr 1953 stellt schließlich wieder ein besonderes Ereignis für mich dar, denn man erinnert sich an mein Geburtsjahr, das zukünftig und bis heute fester Bestandteil meines Namens werden soll: Nach lebhafter Diskussion der für mich verantwortlichen und nach einer Abstimmung unter den Mitgliedern heiße ich von nun an „Turn- und Sportvereinigung Guxhagen 1888“.

Die nächsten zehn Jahre sind von typischen Auf- und Abbewegungen gekennzeichnet. Insbesondere die Sparten Fußball, Leichtathletik und Schießen können mit tollen Erfolgen aufwarten und machen mich hessen-weit bekannt. Mein 75. Geburtstag im Jahr 1963 wird mit über 1.000 Besuchern aus nah und fern zu einem absoluten Höhepunkt im Vereinsleben. Und weiter geht es aufwärts: 1967 wird die neue Turnhalle der Schule eingeweiht, 1969 schließlich werde ich 80 Jahre alt und eine Ski-Sparte wird gegründet, 1976 folgt eine Abteilung für Tennis und im gleichen Jahr folgt mit der Eintragung ins Vereinsregister ein erneuter – hoffentlich der letzte – Namenswechsel. Ab sofort heiße ich TuSpo 1888 Guxhagen e. V.

In den Folgejahren setzt sich die Verselbständigung der einzelnen Abteilungen fort. Die Schützen bauen ihr Schützenhaus, die Tennisspieler ihre Tennisplätze. Anlässlich meines 90. Geburtstages im Jahr 1978 wird eine tolle Sportwoche mit vielen Wettkämpfen veranstaltet. In den nächsten Jahren sehe ich viele Sparten, beispielsweise Judo, kommen und gehen.

Zu meinem hundertsten Geburtstag im Jahr 1988 habe ich fast 900 Mitglieder und ich würde mir wünschen, dass meine Gründerväter bei den vielfältigen Veranstaltungen wie dem Neujahrsempfang, dem Faschings-vergnügen, den verschiedenen Silvesterpartys oder der Verleihung des Sportlers des Jahres zu Gast sein könnten.

Aber der Zahn der Zeit geht auch an mir nicht spurlos vorüber. Glücklicherweise gibt es aber weiterhin genügend Leute, die sich um mich kümmern und Verantwortung übernehmen, so dass ich auch jetzt noch wachsen und gedeihen kann. Fest verbunden mit meiner Geschichte ist beispielsweise Dieter Köbberling, der sich 22 Jahre aufopfernd um mich gesorgt hat und einen ganz wesentlichen Anteil an meiner positiven Entwicklung hat. Weitere Namen, denen ich sehr viel zu verdanken habe, sind Edgar Slawik sowie der im Jahr 2011 verstorbene Harald Krass.

Sicherlich gibt es immer wieder Rückschläge und im Jahr 2006 wurde ich, jeder weiß es, durch einige unschöne Ereignisse fast dahingerafft. Aber auch hier zeigt sich, dass ich mich jederzeit auf „meine“ Leute verlassen kann. Ein kurzer Aufenthalt auf der Intensivstation und vor allem der feste Zusammenhalt meiner Mitglieder genügen, um meine Genesung voranzutreiben. Wie gut das gelingt, zeigt sich bei dem großen Sport- und Spielfest, das im Jahr 2006 von unzähligen Helfern mit tollem Teamgeist und unter riesigem Einsatz organisiert wird.

Darauf bin ich heute noch stolz und da im Jahr 2006 auch eine Geschäftstelle eingerichtet wird und sich fortan ein Geschäftsführer um meine Verwaltung kümmert, kann ich nun getrost und in aller Ruhe den weiteren Aktivitäten zuschauen. Und das sind eine ganze Menge. Seit 2008 bin ich über meine eigene Hompage weltweit im Internet erreichbar und seit 2009 engagiere mich mit meiner eigenen Theatergruppe „Das GuxThe“, die alle zwei Jahre ein Stück aufführt, auch kulturell und gesellschaftlich.

Heute werde ich nun 125 Jahre alt. Wie jeder weiß, sind Jubiläen immer auch ein Anlass, Danke zu sagen. Und genau dies möchte ich nun tun. Danke an den Ältestenrat mit Dieter Köbberling, Klaus Bonn, Henning Milde, Herbert Meyer und Josef (Seppel) Pflanzelt, der mit großer Erfahrung jederzeit zu meinem Wohle agiert. Danke auch dem amtierenden Vorstand, der sich engagiert um mein Fortbestehen und um eine Weiterentwicklung kümmert. Last not least: Danke Ihnen, die mit dem Kauf dieser Chronik Interesse an mir, an meiner Geschichte und an meiner Zukunft haben.

In den vergangenen 125 Jahren habe ich stets ein Ziel verfolgt: Menschen Freude am Sport und damit auch am Leben zu vermitteln. Ich wollte und will Teamgeist und Fairness fördern und alle Gruppen und Menschen unter meinem Dach friedlich vereinen. Wenn das in der Vergangenheit nicht immer gelungen ist, so lag das nicht an mir, sondern an einzelnen Personen, die jedoch niemals in böser Absicht gehandelt haben. Heute können wir fröhlich, optimistisch und ohne Sorgen in die Zukunft blicken.


Meiner 150. Geburtstagsfeier im Jahr 2038 steht also nichts im Wege – ich freue mich darauf!